Leipziger Wissenschaftspreis für Dresdner Forscher
Der Physiker Jürgen Haase vom Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung Dresden erhält den Leipziger Wissenschaftspreis 2006.
Dresden 2006-04-07Die Stadt Leipzig, die Universität Leipzig und die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig zeichnen Herrn Dr. rer. nat. habil. Jürgen Haase, Leibniz-Institut für Festkörper und Werkstoffforschung Dresden und Universität Leipzig, mit dem Leipziger Wissenschaftspreis 2006 aus.
Mit dem Preis werden seine bahnbrechenden Entwicklungen auf dem Gebiet der Kernmagnetischen Resonanzspektroskopie (NMR) gewürdigt. Der Preis gilt auch den enormen Impulsen, die von seinen Forschungen auf die Entwicklung der Festkörperphysik an der Universität Leipzig ausgehen und die das Ansehen der Stadt Leipzig als einer Stadt der Wissenschaften nachhaltig stärken.
Dr. Jürgen Haase (Jg. 1958) erhielt seine Ausbildung am
international renommierten NMR-Zentrum der Universität Leipzig. Er
studierte hier von 1979–84 (Abschluß: Diplom), promovierte 1987 bei
Prof. H. Pfeifer 1987 und habilitierte sich ebenfalls an der
Universität Leipzig 1995. Von 1990–94 war er an der University of
Illinois in Urbana-Champaign bei Oldfield und Slichter – Pionieren der
NMR in Chemie und Physik – und an der Washington University of St.
Louis bei Norberg und Conradi tätig, bevor er zur Habilitation an die
Universität Leipzig zurückkehrte. Von 1997–2001 war er
Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft und
arbeitete in dieser Zeit zum einen wieder in Urbana-Champaign bei
Charles Slichter, zum anderen am 2. Physikalischen Institut der
Universität Stuttgart bei Michael Mehring. 2002 wechselte er nach
Dresden, zunächst an das Max-Planck-Institut für Chemische Physik
fester Stoffe, dann (Oktober 2003) an das Leibniz-Institut für
Festkörper und Werksstoffforschung (IFW) Dresden. Im Juni 2005 erhielt
er den Ruf auf eine W3-Professur für Festkörperphysik an der
Universität Leipzig, den er zur Zeit verhandelt.
Schon in seiner Dissertation hat Jürgen Haase eine Methode von Richard
R. Ernst, Chemie-Nobelpreisträger, kritisch erweitert. In Leipzig hat
er dann an Zeolithen und Funktionskeramiken die “Two-Pulse Free
Induction Decay” Methode entwickelt, die ein Vorgänger der später
populären Mehrquanten-NMR war.
In St. Louis entwickelte er seine Ideen des Populationstransfers bei
Quadrupolkernen zu einer Methode, die heute in der physikalischen
Chemie sehr oft angewandt wird. Bei Slichter entwickelte er nach 1996
dazu noch einen neuartigen NMR-Probekopf, mit dem bis dahin nicht
mögliche Doppelresonanz-Experimente durchführbar wurden.
Seine bisher sensationellste Leistung ist aber die von ihm seit 2003
und bis heute weltweit einmalig betriebene NMR in gepulsten hohen
Magnetfeldern. Hier gelang ihm 2005, die NMR bei 2,4 GHz bei ca. 60
Tesla durchzuführen, einem bis vor kurzem unvorstellbarem Frequenz- und
Magnetfeldbereich. Damit ist Jürgen Haase gegenwärtig weltweit
gefragter Experte der gesamten NMR-Gemeinschaft. Seine herausragenden
wissenschaftlichen Leistungen werden u.a. von den Pionieren der NMR,
Charles Slichter und Michael Mehring, oder vom Entdecker der
Hochtemperatur-Supraleitung, Nobelpreisträger K. Alex Müller, gewürdigt.
Die Verleihung des Leipziger Wissenschaftspreises 2006 erfolgt am 7. April 2006, 11 Uhr, in der Alten Börse zu Leipzig. Der Vortrag des Preisträgers hat den Titel “Atomkerne als Spione der komplexen Natur”.
Atomkerne spüren die Eigenschaften des sie umgebenden Stoffes. Die Methoden der Magnetischen Kernresonanz nutzen Atomkerne deshalb erfolgreich als Spione bei der Aufklärung von Strukturen und Prozessen in Mensch und Natur. Die Kunst dieser Analyse, die an der Universität Leipzig lange Tradition besitzt, hat Jürgen Haase dort erlernt und sich später an international führenden Labors darin vertieft. Seine Beiträge umfassen methodisch-theoretische wie auch experimentelle Aspekte der Magnetischen Kernresonanz sowie zahlreiche Anwendungen. Besonders zu erwähnen sind seine bahnbrechenden Arbeiten zur Untersuchung komplexer Festkörper, z.B. der Hochtemperatur-Supraleiter, sowie die Entwicklung der Höchstfeld-Kernresonanz, die ungeahnte Applikationen in vielen Bereichen der Gesellschaft verspricht.
Weitere AuskünfteProf. Dr. Helmut Eschrig
IFW Dresden
Tel. (0351) 46 59 380